Wednesday, 21. december 2011
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Mahlzeit!
Es ist schon wieder soweit. Wir haben es nicht kommen sehen. Keiner hat uns gewarnt. Wintersonnenwende. An sich ja schon ein Grund zu feiern: Die Tage werden wieder länger und in etwa vier
Monaten, 16 Wochen oder einem viertel Jahr ist mit erträglicheren Temperaturen zu rechnen. Klimawandel, bitte wo?
Es ist aber nicht nur für die Heiden ein hohes Fest. Auch Coca Cola und die Christen haben einen Hohetag. Der Phosphorbrausehersteller feiert seine ureigene Erfindung: den Weihnachtsmann. Die Christen machen es sich derweil etwas umständlicher: Diese glauben, ein jüdischer Zombie, der sein eigener
Vater war, schenkt Einem das ewige Leben, wenn man symbolisch sein Fleisch isst. Man braucht ihn nur per Telepathie wissen lassen, dass man ihn als Meister akzeptiert und er erlässt einem die
Schuld, die man trägt seit damals eine Frau aus Rippchen von einer sprechenden Schlange überzeugt wurde vom magischen Baum zu naschen. Naja. Die Christen jedenfalls glauben ernsthaft, dass dieser
wasauchimmer zufällig zur Wintersonnenwende Geburtstag hat. Von mir aus. Ich hab ja auch nix gegen Voodoo.
Als Gewohnheitspragmatiker nehme ich mir von alledem nur das Beste heraus und pfeif auf die Dogmen. Weihnachtsmäßig verbrenne ich jeden Advent einen alten Sommerreifen - das passt auch von der
Zahl her meistens ganz gut. Wenn es dunkel ist entsteht seltsamerweise kein schwarzer Rauch. Das hebt die Stimmung ungemein, ist gut für die Umwelt, macht’s romantisch um die Aorta und ist,
solange man sich nicht erwischen lässt, nicht strafbar.
Schluss mit der Gefühlskacke. Harte Fakten! Hier meine persönlicher Abriss auf das vergangene Jahr. Nicht im TV-Stil mit Schmalz, Sensationheischerei, Promisülze und Hintergrundmusik von Enja,
sondern richtig: Kurz, ulkig und, wie immer und alles was ich so schreibe, nicht ganz ernst gemeint:
1. Januar 2011.
Ich wache in Lübeck auf. Das Jahr beginnt suboptimal. Wenn anderer Leute Elend geil macht, wird dieses Jahr Porno-Deluxe. In Haiti bebt es gewaltig. Hunderttausende sterben. Nach etwa einem Monat
sind die Kameras der internationalen Presse verschwunden. Nach etwa einem Jahr kann man das von der Cholera nicht behaupten. Arme Schweine...
Im Januar.
Meine seit langem lose gepflegte Brieffreundschaft mit Habib aus Tunesien verlagere ich nach Facebook (Ja, ich nutze es. Um Kritikern zuvorzukommen - vonwegen Datenkrake und gläserner Bürger: Es
ist wie in der Disco mit der Torte, der Steuererklärung, vor Gericht bei der Frage nach dem Alibi, der Frage am Zoll oder dem Lebenslauf: Wer die Wahrheit sagt ist selbst schuld und braucht sich
hinterher nicht beschweren). Grandiose Idee! Seitdem chatten wir fast jeden Tag. Er bemerkt wie toll es bei uns in Deutschland sein muss und wie kacke die hohe Arbeitslosigkeit unter jungen
Leuten trotz guter Ausbildung bei ihm daheim ist. Er wirkte sehr aufgeregt. Ich schlage im Spaß vor, er solle sich mit seinen Leidengenossen doch zusammenschließen und eine Selbsthilfegruppe im
Netz gründen. Danach wirkte er sehr beschäftigt, fand es aber ein gute Idee.
Februar.
Ich finde Habibs Bruder über das asoziale Netzwerk. Er studiert in Ägypten und hat genauso wenig Aussichten. Ich schlage Habib das Gleiche wie eben seinem Bruder vor (er heißt auch Habib, genau
wie seine anderen 17 Brüder). Wie das mit Ideen und fruchtbarem Boden so ist - es wird zum Selbstläufer. Ich distanziere mich von der Bewegung und nehme mir vor, mal wieder die Bonität der
Vereinigten Staaten zu überprüfen.
März.
Endphase in Lübeck. Zum Ende hin wird es gemütlich. Nach all dem (völlig berechtigten) Geschimpfe über die "Stadt", hier die Top 5 der sinnvollen Einrichtungen in Lübeck. Sonst heißt es wieder
"Du bist soo negativ..."
- Hauptbahnhof. Sehr wichtig! Dient dazu hin, und vor allem wieder weg zu kommen.
- Mijori Bar. Soweit ich sagen kann die beste Sushi Bar überhaupt. Sehr lecker da, sehr freundliche Bedienung. Bahnhofsnähe!
- Finnagan Pub in der Mengstraße. Gemütlicher Irish Pub für den Pint danach oder einfach nur so gegen das Zittern in der Mittagspause. Einwandfrei! Mitten
auf der Pestinsel gelegen. Unpräzisiös, freundlich, einfach, aber gerade dadurch sehr einladend.
- Wochenmarkt am Brink. Der letzte große Wochenmarkt vor den Ödlanden im Osten. Samstags ein Muss.
- Weihnachtsmarkt. Kein Witz. Diese Missgeburt abendländischer Kultur zeigt hier erträgliche Züge. Das ganze grenzdebile religiöse Gedudel bleibt dezent im Hintergrund ohne ganz zu verschwinden.
Wichtig: Die Mittelalterecke an der Marienkirche (gemütlich!) und der Tallinn-Stand am Koberg. Kenner wissen warum. Der Rest: Rausfinden!
1. April.
Kein Witz. Ich ziehe nach Rostock. Neue Stadt, neuer Job. Alles wieder auf Null. Nur Flensburg zählt munter weiter.
Im April.
Ich dreh den Swag auf.
1. Mai.
Tag der Arbeit. Die Straßen sind voller Menschen. Rote Nelken und bunte Fähnchen soweit das Auge reicht. Ich darf im P1000 mitfahren. Ein großer Spaß. Es gibt Dinge, die hält in ihrem Lauf...
nüschde auf.
Juni.
Nach der Arbeit wird ein Schläfchen in der Sonne am Strand genommen. Ein innerer Reichsparteitag. So könnte es bleiben. Bleibt es natürlich nicht.
Juli. Es regnet. In Hamburg werden seit etwa 400 Jahren wieder Piraten vor Gericht gestellt. Im Herbst werden Piraten in den Berliner Senat einziehen. Der letzte Teil von "Piraten der Karibik"
kommt ins Kino - und ist kacke. Damit sollte die Kuh "Freibeuter" final abgemolken sein. Merke: Zu Weihnachten die 4er DVD Kollektion nicht
kaufen.
August.
Es regnet noch immer. Nach vier Wochen Dauerregen reißt man die Dämme am Strand ein um das Wasser in die Ostsee zurücklaufen zu lassen. Verrückte Welt.
Anfang September:
Es hat aufgehört zu regnen.
Mitte September:
Ich suche die Helenen heim und bewillige vor Ort Rettungskredite über 230 Trilliarden Euro. Das erste Drittel berappe ich vor Ort in Bar. Ein Tropfen auf das heiße Bein.
Ende Oktober: Ich stelle fest, dass ich mich in Rostock eingelebt habe. Hoffentlich läuft das mit dem Job noch ne Weile.
1. November. Neuer Job. Ausnahmsweise diesmal ohne umziehen. Fühlt sich seltsam an, geht aber auch. Das nächste Mal dann aber wieder mit Umzug und Stadtwechsel. Versprochen! Ist ja alles
irgendwie nur vorübergehend...
Im November:
Mir gelingt der direkte Nachweis eines Higgs-Bosons, eher zufällig - beim tunen des Fusionsreaktors in meinem U-boot. Da meine Trophäen-Wand voll ist und ich null Bock habe eine Dankesrede zu
schreiben oder die vom letzten Nobelpreis zu verlesen (Gynäkologie oder französische Literatur... weiß nicht mehr so genau), spiele ich den Versuchsaufbau dem CERN zu. Die freuen sich ein Loch
ins Topfmodel. Damit drücke ich mich auch gleich um die Jahresspende und krieg trotzdem die Schoki zu Weihnachten geschickt. Ein Fuchs...
Im Dezember:
Das Alter macht sich bemerkbar. Ich werde krank, huste Blut. Die kritische Menge von 8 Litern bleibt aber knapp unterschritten. Ich bleibe ruhig und suche mir einen Hausarzt. „Meine Krankenakte?!
Über die Hanse verstreut, ziehe öfter um als ich krank werde.“ Allerseits verstörte Blicke. Selbst sich vordrängelnde Pensionäre vergessen für einen Moment, dass sie keine Manieren haben. Jawoll,
Punkt für mich. Die Ärztin sieht die Bluthustensache etwas besorgter als ich und malt den Teufel an die Wand. Man schlägt mir eine Mellifikation vor. Sounds Good, Maybe Later. Hypochonder sollten nicht Medizin studieren dürfen. Ich wechsle den Arzt
und lasse mich für drei Tage krankschreiben. Tee trinken und viel schlafen soll ich. Klingt nach Verbeamtung, aber soweit kommt es dann doch nicht. Trotzdem überlebe ich wie durch ein Wunder.
Ende Dezember: Kim Jong Il ist tot. Sein Klon steht schon in der Tür um wie gehabt weiter zu machen. Kranker Mist, was die da abziehen. Ob die Linke kondulieren möchte?
Boah, Was für ein Jahr! Andernorts wurde geheiratet, gezeugt und gestorben - teilweise gleichzeitig oder in wirrer Reihenfolge. Ich habe von all dem Abstand genommen und katastrophiere wie gehabt
durch die unendliche Nichtigkeit des Seins auf der Suche nach einem Fischbrötchen.
...
Jetzt hätte ich das wichtigste fast vergessen. Das chrsitliche Jahrenendfest steht ja an - eine Tradition, auch unter den Konfessionslosen. Was gehört zu Weihnachten wie die Familientragödie und
der Zimmerbrand. Naaa? Ähnlich dem "Dinner for One" zu Silvester, hier DAS Weihnachtsschmankerl. Exklusive für meine Leipziger Fangemeinde! (Ich weiß, ich muss mal wieder rumkommen.)
Herrlich. Nu is besser!
Frohes Fest!